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Schrittmacherin für psychische Gesundheit
Krisen, Kriege, Katastrophen – und dennoch: Selten sind Kinder und Jugendliche in Deutschland so sicher aufgewachsen wie derzeit. Trotzdem verunsichert sie das gesellschaftliche und globale Geschehen tief. Dieses geht auch an vielen Erwachsenen zunehmend nicht spurlos vorbei. Über Altersgrenzen hinweg erkranken immer mehr Menschen psychisch. Bochum besitzt mitten in der Innenstadt eine einzigartige Einrichtung, um zu helfen und zu heilen: das Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit (FBZ). Prof. Dr. Silvia Schneider leitet das FBZ und weiß, wie wichtig für das seelische Wohlbefinden das Gefühl ist, Kontrolle zu haben.
„Doch über Geschehnisse wie Klimawandel oder Terroranschläge haben wir kaum Kontrolle“, sagt die Professorin für Klinische Kinder- und Jugendpsychologie. Dies gilt auch für eine andere Entwicklung, die durchaus ihre Tücken haben kann: die weiter wachsende Bedeutung und Nutzung digitaler Medien wie Spielekonsolen und Smartphones sowie sozialer Netzwerke wie TikTok, Snapchat oder Instagram. „Was macht das mit unseren Kindern?“, hinterfragt Silvia Schneider. Ihre Erfahrung aus Forschung, Lehre, Ausbildung und Versorgung: „Digital Natives zu sein, hat durchaus seinen Preis.“ Bisweilen sogar einen hohen. So wüssten gerade junge Mädchen, dass nahezu alle Instagram-Inhalte gefiltert, also nicht echt seien – entziehen könnten sich viele den Schönheitsbildern trotzdem nicht.

für psychische Gesundheit (FBZ)

Forschung, Lehre und Behandlung
Das digitale Erleben in virtuellen Welten kann zudem nicht darüber hinwegtäuschen, dass gerade Kinder und Jugendliche soziale Interaktion und Eltern (oder andere enge Bezugspersonen) brauchen, die ein Anker sein und Sicherheit geben können. Als Wissenschaftlerin der Ruhr-Universität Bochum (RUB) forscht Silvia Schneider zu psychischen Erkrankungen. Dafür hat sie Basel gegen Bochum getauscht. Hier lockte die Aufgabe, etwas Neues und Einzigartiges aufzubauen: das Forschungs- und Behandlungszentrum für psychische Gesundheit. Ihren Lehrstuhl gab es zuvor nicht. Auf sie wartete ein Raum mit einem Schreibtisch. Das war 2010.
Heute belegt das FBZ nahe Hauptbahnhof und Rathaus mehrere Etagen in einer futuristischen Galerie an der Massenbergstraße. Unter dem Dach befinden sich Hörsäle, Labore, Ambulanz, Therapieräume, Büros. Bei ihrem Auftrag für Forschung, Lehre, Ausbildung und Versorgung wird Silvia Schneider mittlerweile von knapp 270 Mitarbeiter:innen unterstützt. Pro Jahr bildet das FBZ zirka 20 fertige Psychologie-Student:innen therapeutisch für den Kinder- und Jugendbereich und etwa 25 für den Erwachsenenbereich aus. Drei bis fünf Jahre dauert die Ausbildung; immer zwei Jahrgänge sind zeitgleich im Haus.
Psychotherapie für jedes Alter
Das FBZ ist im Jahr zudem Anlaufstelle für bis zu 4.000 Patient:innen, die zum Beispiel unter Ängsten, ADHS oder Psychosen leiden. „Wir machen Psychotherapie, das heißt, wir behandeln wirklich alle psychischen Störungen über die gesamte Lebensspanne: vom frühen Kleinkind- bis ins hohe Erwachsenenalter“, betont Silvia Schneider. Was viele nicht wissen: „Sie können sich direkt bei uns melden, ohne vorher beim Arzt gewesen zu sein.
Erstzugangsrecht nennt dies die Expertin. Nach jeder Therapiestunde bitten sie und ihre Mitarbeiter:innen die Patient:innen um strukturiertes Feedback: wie viel sich diese seit Therapiebeginn besser fühlen, ob und was sich verändert, was sich vielleicht verschlechtert statt verbessert hat. Diese Evaluation verknüpfen die FBZ-Beschäftigten mit Überprüfungen im Labor. „Reden kann auch schlecht sein“, räumt Silvia Schneider mit Halbwissen auf. „Bei Trauma-Gründen kann es zum Beispiel besser sein, erst einmal nicht zu reden. Das zeigt, wie wichtig Evaluation ist.“
Nicht alle FBZ-Patient:innen brauchen Langzeittherapien. Dennoch sind die Wartezeit auf einen freien Behandlungsplatz auch im FBZ lang. Mit digitalen Gesundheitsanwendungen – kleine Apps und Kursen zu Gesundheitsthemen oder mit Gamification für Kinder (also: spielerischen Elementen) – will Silvia Schneider mit ihrem Team Wartezeiten bis zum Therapiebeginn oder zwischen Behandlungsterminen überbrücken und Patient:innen motivieren, „dran zu bleiben“. Diese digitalen Gesundheitsanwendungen entwickeln sie und ihr Team gerade mit Geldern des Bundesfamilienministeriums.

Relevanz der Studien für die Behandlung
In die Behandlung bringen Silvia Schneider und ihr Mitarbeiter:innenstab Ergebnisse ihrer Studien zu psychischer Gesundheit und Krankheit ein. Sie erforschen unter anderem bei Jugendlichen die durch die Corona-Pandemie angestiegene soziale Scheu und Kontaktstörungen, weil diese den wichtigen Entwicklungsschritt „raus aus dem Elternhaus, rein in die Gleichaltrigen-Gruppen“ aufgrund der Kontaktbeschränkungen nicht machen konnten. Die Wissenschaftler:innen widmen sich zum Beispiel auch frühen Eltern-Kind-Interaktionen und studieren, wie Eltern ihren kleinen Babys vermitteln, ob die Welt gefährlich ist und sie auf Mama und Papa vertrauen können.
Dank des FBZ ist Bochum seit 2023 einer von bundesweit sechs Standorten des Deutschen Zentrums für psychische Gesundheit (DZPG). Das DZPG soll Versorgungslücken schließen, Präventionsangebote stärken und Therapien nachhaltig verbessern. Fünf Millionen Euro stehen dafür jährlich pro Standort zur Verfügung.
Urban Mental Health fördern
Für die „Gesunde Stadt“ Wattenscheid kooperiert Silvia Schneider in ihrer Funktion als Koordinatorin des Bochumer DZPG-Standorts mit der Stadt Bochum. Das gesamte Stadtentwicklungsgebiet ist vergleichbar mit einem Labor. In einer Bestandsanalyse wurden Institutionen und Akteur:innen befragt, die wichtig für die Gesundheit der Menschen vor Ort sind, darunter Kitas, Schulen, kinderärztliche Praxen. „Wir haben viele nicht-vernetzte Angebote vorgefunden“, schildert Silvia Schneider. „Wir haben gefragt: Was braucht ihr? Und wir haben Workshops für Fachkräfte angeboten. Denn wir wollen schnell Behandlungsansätze vermitteln, wollen Menschen vor Ort befähigen zu helfen und jeder Gruppe nach dem Schlüssel-Schloss-Prinzip die Hilfen bieten, die sie braucht.“ Ein erster Erfolg sei, dass alle angesprochenen Einrichtungen mitmachten: „Bochum hat dafür eine gute Größe und eine große Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Wir haben Ängste nehmen und Vertrauen aufbauen können“, freut sich die Psychologin. Die Taskforce für mehr „Urban Mental Health“ tagt alle sechs Wochen. Ein Projekt, das weit in die Bevölkerung ausstrahlt und um das die anderen DZPG-Standorte ihre Bochumer Kollegin beneiden.
Was Silvia Schneider dabei persönlich antreibt: „Man hilft nicht nur einem Kind. Man hilft dem ganzen Umfeld, wenn es dem Kind besser geht. Das ist das Schöne!“
Mit ihrer Pionierarbeit für das FBZ und als Standort für das DZPG fühlt sich die 62-Jährige in Bochum bestens aufgehoben: „Die Ruhr-Uni war wegweisend und immer wieder Schrittmacherin für wichtige Entwicklungen in dem Fachgebiet. Sie war die erste Uni in Deutschland, die mit einem Lehrstuhl für klinische Psychologie eine verknüpfte Ausbildung zum Kinder- und Jugendtherapeuten ermöglichte. Heute gibt es in ganz Deutschland über 20 Lehrstühle dieser Art.“ Die RUB ist auch heute am Puls der Zeit, wenn es um die Ausbildung des wichtigen Heilberufs geht. „Sie hat den Bedarf erkannt und investiert“, freut sich Silvia Schneider. „Eine Kollegin aus einer Ivy League Universität* in den USA sagte: This is the Future!“
*Die Ivy League ist eine Gruppe von acht Universitäten (u.a. Harvard, Yale, Princeton), die für ihre akademische Exzellenz bekannt sind.
#darumBochum: Prof. Dr. Silvia Schneider

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